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Lerntypen - Geflüchtete

  • Wieso versteht mich mein Azubi nicht?

    Sie kennen das aus Erfahrung: jede/-r Auszubildende geht unterschiedlich mit Lern- und Arbeitsaufgaben um und zeigt Stärken und Schwächen eher in der Theorie oder in der Praxis. Das gilt auch für Geflüchtete in der Ausbildung.

    Jede Berufsbranche hat ihre eigenen bevorzugten Lerntypen und jeder Ausbilder und jede Ausbilderin bevorzugte Unterrichtsmethoden. Um die unterschiedlichen Lerntypen in der theoretischen und praktischen Unterweisung zu erreichen, ist es ratsam, die Inhalte für alle verständlich zu "transportieren". Je eher die Art und Weise, in der Lerninhalte bearbeitet werden, variiert, umso vielfältiger sind die Möglichkeiten des Motivierens, Erinnerns und Behaltens bei unseren Azubis.

    Für Gruppenarbeiten ist es hilfreich, unterschiedliche Charaktere und Lerntypen und -stile zu erkennen und ihre Qualitäten so zu kombinieren, dass sie sich ergänzen und das Azubis voneinander und miteinander lernen können.

  • Welche Lerntypen gibt es?

    Lerntypen 1

    © thingamajiggs / Fotolia

    Es gibt unterschiedliche Ansätze, Lerntypen und -stile zu kategorisieren. Am bekanntesten ist die Unterscheidung nach "Aufnahmekanälen", d.h. über welches Sinnesorgan die Person theoretische Informationen und praktische Fertigkeiten verarbeitet.

    Nach Aufnahmekanälen unterscheidet man vier verschiedene Lerntypen. In der Praxis begegnen Sie uns meist als Mischtypen:

    • Der auditive Lerntyp: Ihr Azubi kann mündliche Arbeitsaufträge, Erklärungen und Vorträge leicht verstehen, wiederholen, zusammenfassen und über einen längeren Zeitraum behalten.
    • Der visuelle Lerntyp: Die Azubis merken sich alles gut, was sie selbst gelesen oder gesehen haben. Schriftliche Unterlagen, eigene Notizen, Bilder, Videos und Grafiken sind für sie der Zugang zu Lerninhalten. Sie schauen sich auch die Tätigkeiten einfach von anderen ab. Selbst Arbeiten, die verschiedene Schritte beinhalten, können sie vollständig nacharbeiten und wiedergeben.
    • Der kommunikative Lerntyp: Die sprachliche Auseinandersetzung mit dem Lernstoff steht hier im Vordergrund. Die Auszubildenden erschließen sich den Lerninhalt im fachlichen Lehrgespräch, in der Diskussion und im Austausch mit Kollegen und Kolleginnen. Ihr Azubi erarbeitet sich so die gewünschten Aufträge und besorgt sich hierzu aus dem Kollegenkreis selbstständig die dazu benötigten Informationen.
    • Der motorische Lerntyp: Die Azubis begreifen die gestellte Aufgabe am besten, wenn sie sie "be-greifen" können. Das aktive Handeln und Ausprobieren ist für die Erarbeitung von Lerninhalten und Arbeitsschritten zentral. Das gilt sowohl für praktische als für theoretische Aufgaben (z.B. Durchrechnen von Übungsaufgaben, Anwendung von Formeln).

    Wird diese Lerntypisierung bei geflüchteten Menschen zu beachten, dass ihre vertrauten Lernwege in der Ausbildung in Deutschland häufig nicht zum Erfolg führen oder blockiert sind. Beispiel: Menschen, die in ihrem Herkunftsland über das Hören und über die Kommunikation mit anderen gut lernen konnten, stoßen an Grenzen, wenn sie die (Fach-)Sprache noch nicht ausreichend beherrschen. In diesem Fall kann man Lernaufgaben zunächst über motorisches Selbermachen und visuelle, anschauliche Lernmaterialien bearbeiten lassen, gleichzeitig aber den nötigen Wortschatz durch begleitende Gespräche, Erklärungen und Vokabeltrainer langsam aufbauen.

  • Wie kann ich diese Lerntypen am besten unterstützen?

    Lerntypen 2

    © pressmaster / Fotolia

    • Den auditiven Typ: Ihre Azubis benötigen abseits des Tagesgeschäfts genügend Ruhe zum Lernen und Trainieren von Fachwortschatz und zum Verstehen gängiger Arbeitsanweisungen. Lassen Sie Fachvokabeln in ganzen Sätzen und Zusammenhängen lernen ("Ich stelle die Drehzahl ein.", "Die Kabel sind parallel verlegt."). Unterstützen Sie den Spracherwerb durch Abbildungen und Beschriftungen des Arbeitsplatzes und der Arbeitsmittel. Sprechen Sie einzelne kleine Arbeitsschritte mit ihren Auszubildenden durch, lassen Sie Herangehensweisen mit eigenen einfachen Worten erklären, kommentieren Sie Ihre praktischen Unterweisungen in einfacher und klarer Sprache ("Was mache ich jetzt und warum?").
    • Den visuellen Typ: Geben Sie Ihren Auszubildenden die Möglichkeit, eigene Arbeitsmappen mit entsprechenden Bildern und Grafiken zu erstellen, auch zum Erwerb der Fachsprache. Machen Sie viel vor, stellen Sie Lernvideos oder Animationen zur Verfügung.
    • Den kommunikativen Typ: Gestalten Sie eine Unterweisung nicht als Monolog, sondern als entwickelndes Lehrgespräch. Dabei werden die Zuhörer/-innen aktiv durch einfache Rückfragen, Nachfragen und Abfragen in die Darstellung des Lerninhalts eingebunden. Stellen Sie Fragen nach "wie, warum, wieso" und lassen Sie die Azubis selbst überlegen und in einfachen Sätzen begründen.
    • Den motorischen Typ: Lassen Sie Ihre Azubis ruhig "mal machen", denn Übungen und Aufträge selbst zu erstellen und auszuprobieren, macht diesem Lerntyp besonders viel Spaß. Informationen können besonders gut behalten werden, wenn sie durch Bewegung unterstützt werden.
  • Welche Lernstile gibt es noch?

    Je nach persönlichem "Temperament" unterscheiden vier weitere Lernstile, die eher das Verhalten von Personen in den Mittelpunkt stellen.

    Zusammengefasst geht es um folgende Persönlichkeitsmerkmale, die individuell mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können:

    Der Nähetyp oder Aktivist

    Dieser Typ ist eher zwischenmenschlich und emotional orientiert. Konzepte und Theorien sind für ihn nur dann interessant, wenn man sich mit Kolleginnen und Kollegen darüber austauschen kann. In dieser Arbeitsform kann der Aktivist Intuition und assoziatives Denken einbringen. Andererseits lässt sich dieser Typ leicht von anderen Einflüssen und Anregungen ablenken und verliert dabei das Ziel aus den Augen.
    Lernunterstützung für diesen Typ sind Aufgaben, an denen ausdauernd und konzentriert gearbeitet werden muss.

    Der Dauertyp oder Empiriker

    Personen dieser Kategorie sind eher zurückhaltend und introvertiert. Sie arbeiten strukturiert, kontrolliert und gewissenhaft. Das kann dazu führen, dass sie etwas langsamer vorankommen und es ihnen Schwierigkeiten bereitet, mehrere Dinge parallel zu bearbeiten oder sich flexibel auf neue Rahmenbedingungen einzustellen.

    Lernunterstützung für diesen Typ bieten Aufgaben, in denen mehrere Azubis zusammenarbeiten und sich abstimmen müssen. Auch Aufgaben, die Kreativität und Visionen fördern, sind in diesem Fall eine Bereicherung (auch wenn sie zunächst als Herausforderung gesehen werden).

    Der Distanztyp oder Theoretiker

    Diese Personen gehen logisch, analytisch und rational vor und sind sehr an Hintergründen und Details interessiert. Sie kommen gut mit systematischen Vorgehensweisen zurecht, es fehlt ihnen aber oft an eigener Initiative und Risikobereitschaft, etwas Neues auszuprobieren.

    Eine gute Lernunterstützung für solche Personen ist, sie in Gruppenarbeiten und Projekte einzubinden, die sehr zielorientiert zu bearbeiten sind und bei denen auch kreative Methoden eingesetzt werden müssen.

    Der Wechseltyp oder Experimentator

    Bei diesem Lernstil steht das aktive, praktische Handeln im Mittelpunkt. Leistungswille und Verantwortungsbewusstsein sind vorhanden und "Learning by doing" in Projekt- und Gruppenarbeiten werden gut gemeistert. Unterstützung im Lernprozess brauchen Personen dieses Lerntyps dann, wenn Handlungen zunächst durchdacht und reflektiert werden müssen und zu viel Intuition eher hinderlich ist. Lern- und Arbeitsaufgaben sollten für sie so gestaltet sein, dass sie sich zunächst theoretisch einarbeiten müssen, um ihr praktisches Ergebnis fachgerecht ausführen zu können.

  • Welche Besonderheiten kann es bei Flüchtlingen in Bezug auf Lerntyp und -stil geben?

    Oft treten Lernschwierigkeiten nicht in der praktischen Unterweisung, sondern in der Berufsschule auf. Es gibt viele Herkunftsländer, in denen schulischer Unterricht aus Auswendiglernen, Abfragen und Abschreiben von Tafelbildern besteht. Sobald die Auszubildenden die deutsche Sprache gut lernen, werden sie sich einen Teil des Lernstoffs auf diese Weise aneignen. Probleme können entstehen, wenn Transferaufgaben gestellt werden, die nicht genau dem gelernten Stoff entsprechen. Diese Art anwendungsorientierten Lernens ist vielen Geflüchteten fremd und muss besprochen und geübt werden.

    Denjenigen Flüchtlingen, die schon praktische Erfahrung in einem Handwerk oder einer Dienstleistung gemacht haben, fehlt wiederum häufig der theoretische Hintergrund. Arbeitsabläufe setzen sie dann gut in die Praxis um, aber entsprechende Modelle, Fachtheorien und Standards, die man wissen muss, bereiten Schwierigkeiten. 

    Diese Gruppe der Geflüchteten hat oft Mühe, das "Lernen zu lernen", und braucht unterstützende Maßnahmen in Grundrechnen, Lesen und schriftlicher Kommunikation.

  • Wo erhalte ich Unterstützung für meine Azubis, das Lernen zu lernen?

    Das Lernen im Betrieb hat viel mit Lesen, (Hör-)Verstehen und Sprechen zu tun. Wenn Ihre Auszubildenden Defizite in diesen Bereichen haben, können diese nur begrenzt im Arbeitsalltag bearbeitet werden.

    • Sprechen Sie mit ehrenamtlichen Betreuern und Betreuerinnen oder Paten und Patinnen der Auszubildenden, damit diese die geflüchtete Person gezielter unterstützen können.
    • Informationen über ausbildungsbegleitende Hilfen (abH), die bei der Arbeitsagentur beantragt werden: www.arbeitsagentur.de/bildung/ausbildung/ausbildungsbegleitende-hilfen
    • Mentorenprogramm "VerA" für Auszubildende und Flüchtlinge mit aktiven Unterstützern und Unterstützerinnen zur Lernförderung in Ihrer Nähe: https://vera.ses-bonn.de
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