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Selbstverletzung

  • Was bedeutet eigentlich "Selbstverletzung"?

    Selbstverletzung 1

    © mercava2007 / Fotolia

    Selbstverletzendes Verhalten (SVV) beschreibt eine Reihe von Verhaltensweisen, bei denen sich Menschen absichtlich Verletzungen oder Wunden zufügen. SVV kann den Betroffenen helfen, sich selbst zu spüren und zu sich zu kommen. Darüber hinaus dient es dem Spannungsabbau oder aber der Selbstbestrafung. SVV kann bei starken seelischen Konflikten (beispielsweise Verlust oder Entzug von familiärer Nestwärme, sexuellem Missbrauch, Ausgrenzung oder Mobbing durch Freunde/Gleichaltrige) und Erkrankungen (u. a. Persönlichkeitsstörungen, Depression, Zwang) auftreten. Obwohl SVV vermehrt bei Jugendlichen mit psychischen Problemen auftritt, ist es auch eine „Mode“, die vorübergehend im Jugendalter auftritt und nicht automatisch Zeichen einer psychischen Erkrankung sein muss. Es wird geschätzt, dass sich in Deutschland rund eine Million Menschen selbst verletzen, wobei überwiegend weibliche Personen betroffen sind.

    Es gibt verschiedene Arten der Selbstverletzung. Betroffene nutzen meist mehrere Varianten. Häufige Arten des SVV sind:

    • Das Aufschneiden, Aufkratzen oder Aufritzen ("Ritzen") der Haut an den Armen und Beinen mit spitzen und scharfen Gegenständen wie Rasierklingen, Messern, Scheren oder Scherben; eine Häufung der Narben ist bei Rechtshändern am linken (Unter)Arm zu finden, aber auch beide Arme, der Bauch, die Beine, die Brust, die Genitalien oder das Gesicht können von Narben übersät sein.
    • wiederholtes "Kopfschlagen" (entweder mit den eigenen Händen gegen den Kopf, ins Gesicht oder mit dem Kopf an Gegenstände) oder Schlagen des Körpers mit Gegenständen
    • wiederholtes Boxen gegen harte Gegenstände, bis Hämatome oder Blutungen auftreten
    • das Ausreißen von Haaren, das Beißen in die Hände (insbesondere Handrücken) und das "Zerkauen" der Innenseite von Wangen oder Lippen
    • das Stechen mit Nadeln (z.B. Sicherheitsnadeln)
    • Verbrennungen und Verbrühungen (z.B. Zigarettenausdrücken auf dem eigenen Körper, Hand über eine Kerze halten) oder Verätzung des Körpers durch Chemikalien
  • Welche Ursachen kann selbstverletzendes Verhalten haben? – Warum tut sich mein Azubi freiwillig weh?

    Selbstverletzung 2

    © goodluz / Fotolia

    Häufige Ursachen von Selbstverletzung sind:

    • Krisen: In der Pubertät sind Probleme wie geringes Selbstwertgefühl, Entwicklung einer eigenen Identität, Intimität oder Protesthaltung, Regelverletzungen etc. nicht selten. SVV kann im Zusammenhang damit als Phänomen auftreten, z.B. dann, wenn Jugendliche Entwicklungsaufgaben (etwa auf sich selbst zu vertrauen, auf sich selbst zu bestehen, für die schulisch-berufliche Entwicklung Verantwortung zu übernehmen) noch nicht bewältigt haben.
    • familiäre Schwierigkeiten: Ein schwieriges Familienklima, die Trennung der Eltern, neue Partner der Elternteile, übermäßig kritische beziehungsweise wenig verfügbare Eltern werden ebenfalls mit SVV bei Jugendlichen in Verbindung gebracht. Als besonders gravierend für SVV gelten Loyalitätskonflikte und damit verbundene Schuldgefühle der Jugendlichen bei Beziehungskonflikten beziehungsweise Trennung der Eltern. Gelegentliches SVV kann mit schulischen und familiären Problemen zusammenhängen.
    • emotionale Vernachlässigung: Wenn man als Kind wenig emotionale Zuwendung („Nestwärme“) bekommen hat, kann dies später im Jugendalter dazu führen, dass der Wunsch nach Liebe und Zuwendung gefühlsmäßig mit emotionalen Verletzungen verbunden ist. Betroffene Jugendliche nutzen dann die Selbstverletzung als eigene körperliche Zuwendung.
    • Sexueller, körperlicher und emotionaler Missbrauch sind Risikofaktoren für die spätere Entwicklung von SVV. Das „Ergebnis“ der körperlichen Gewalt ist ein negatives Selbstbild sowie die Entwicklung einer negativen Lebenseinstellung. Aber Vorsicht: Nicht jedes Missbrauchsopfer verletzt sich, und vor allem bedeutet nicht jedes SVV einen Missbrauch!
  • Was möchte mein Azubi mit seinem Verhalten erreichen? – Funktionen der Selbstverletzung

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    © Anja Greiner Adam / Fotolia

    Es gibt folgende mögliche Funktionen der Selbstverletzung:

    • soziale Beziehungen: In manchen Cliquen trägt Selbstverletzung zur Identitätsfindung und Stärkung der emotionalen Verbundenheit bei. Andere Jugendliche betreiben SVV zur Abgrenzung gegenüber ihrem sozialen Umfeld. Entstehende Narben unterscheiden sie von anderen und geben ihnen ein Gefühl von Unabhängigkeit und Autonomie. SVV kann „ansteckend“ sein und als „Mode“ auftreten.
    • Affektregulation: Selbstverletzung wird zur Entspannung und Erleichterung bei emotionaler Spannung genutzt. SVV kann als paradoxe Selbstfürsorge angesehen werden, die kurzfristig zu einer Linderung des Leidens und einer Stabilisierung der Stimmungslage führt, langfristig jedoch die Problemlage des Jugendlichen verstärkt.
    • soziale Beeinflussung: Durch Selbstverletzung kann eine ungünstige Lernerfahrung erfolgen, beispielsweise ein höheres Maß an Aufmerksamkeit und Unterstützung anderer oder dass ungewollte Situationen (Streit oder Trennung der Eltern, Sportunterricht, Klassenarbeit, Strafe durch Eltern oder Lehrer) vermieden werden können. SVV kann einerseits zu großen Ängsten bei Eltern oder Freunden führen, bisweilen reagiert die Umwelt aber auch verärgert und ablehnend darauf.
    • Selbstbestrafung: Selbstverletzungen können zur Selbstbestrafung eingesetzt werden. Selbstabwertung sowie Gefühle von Schuld und Wut gegen sich selbst sind häufige Beweggründe von Selbstverletzenden.
    • dissoziatives Erleben beenden: Dissoziation lautet der Fachausdruck, wenn bestimmte Dinge aus dem Bewusstsein ausgeklammert werden. Dieser automatische Schutzmechanismus greift häufig, um extreme Erlebnisse (Traumata) besser ertragen zu können. Diese Distanzierung von sich selbst („nichts mehr spüren“) ist jedoch ebenfalls schwer auszuhalten. Starker körperlicher Schmerz kann dabei helfen, einen dissoziativen Zustand zu durchbrechen und den Jugendlichen ins „Hier-und-Jetzt“ zurückzuholen.
    • Sensationslust: Mittels Selbstverletzung versuchen Jugendliche, sich einen Adrenalin-Kick beziehungsweise ein Hochgefühl zu verschaffen. Die Motive ähneln denen zur Ausübung anderer riskanter Verhaltensweisen (z.B. illegale Autorennen, S-Bahn-Surfen).
  • Wie kann ich ein selbstverletzendes Verhalten erkennen?

    Oft sind Jugendliche erleichtert, wenn sie ihre Selbstverletzungen, die auslösenden Konflikte und die daraus resultierende Scham nicht mehr allein mit sich herumtragen müssen. Anhand welcher Hinweise und Warnsignale können Sie als Ausbilder SVV erkennen?

    • Narben: Ein klares Zeichen für SVV ist das wiederholte Auftreten von Narben (insbesondere an den Unterarmen und Beinen) als Folge von Schnitten oder Verbrennungen. Klassisch für selbst zugefügte Schnittverletzungen sind mehrere, parallel geführte Schnitte am linken Unterarm (bei Rechtshändern).
    • scharfe Gegenstände: Versteckte Rasierklingen und Messer in Verbindung mit Desinfektionsspray und Verbandsmaterial sind ein deutliches Warnsignal.
    • Kleidung: Das Tragen langärmliger Kleidung im Hochsommer kann zudem ein Hinweis auf SVV sein.
    • nachlassende Leistungen: Ein plötzliches Nachlassen der schulischen beziehungsweise betrieblichen Leistungen sollte von Lehrern und Ausbildern wertschätzend hinterfragt werden. Unterstützung sollte so angeboten werden, dass Ihr Azubi selbst entscheiden und an Kontrolle gewinnen kann.

    Wenn Sie Zweifel an den Aussagen des Jugendlichen zum SVV haben (weil er Selbstverletzungen aus Scham verschweigt oder bei geringer Selbstfürsorge herunterspielt), seien Sie nicht der Detektiv, sondern motivieren Sie ihn/sie, ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Fachleute können das Ausmaß und die Schwere der zugefügten Verletzungen besser einschätzen (Beginn, Häufigkeit, Formen, Lokalisationen, Ausmaß, Schwere, Absicht, Auslöser, Funktionen und Ablauf des SVV, aber auch Lebenskrisen, sonstiges Risikoverhalten, Familienanamnese, Ressourcen des Jugendlichen) und anschließend ein Behandlungsangebot machen. Investigatives Verhalten schwächt die Vertrauensbasis zwischen dem Jugendlichen und Ihnen.

  • Handlungsmöglichkeiten für Ausbilder/-innen – Was kann ich tun?

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    © Alexander Raths / Fotolia

    Selbstverletzungen können ein Hilferuf sein. Auch wenn Sie nicht wissen, warum Ihr Azubi sich selbst verletzt, sind Sie gefordert. Sich selbst verletzende Jugendliche benötigen psychologische und medizinische Unterstützung. Sprechen Sie Ihren Azubi darauf an, dass Sie sich Sorgen machen und dass Sie möchten, dass es ihm oder ihr gut geht. Unterstützen Sie Ihren Azubi dabei, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und bleiben Sie in Kontakt miteinander. Ihre Handlungsmöglichkeiten im Einzelnen:

    • Signalisieren Sie, dass Sie sich Sorgen um Ihren Azubi machen.
      Jugendliche kommen häufig nicht aus der Spirale der Selbstverletzung und Isolation heraus. Und viele Jugendliche sind froh, wenn ihre Selbstverletzungen und Konflikte angesprochen werden. Dabei ist es wichtig, dass ihnen einerseits Wege zur professionellen Hilfe aufgezeigt werden, sie aber andererseits bei der Anbahnung spüren, dass sie selbst die Kontrolle haben und entscheiden, was sie an Hilfen und Lösungen wollen. Üben Sie keinen Druck aus, wenn Ihr Azubi nicht mit Ihnen sprechen will! SVV ist ein emotionales Thema, und vielen Jugendlichen fällt es schwer, über ihre Emotionen zu sprechen.
    • Machen Sie Ihrem Azubi Mut, professionelle Hilfe anzunehmen.
      Geben Sie Ihrem Azubi klar zu verstehen, dass Sie als Ausbilder oder Ausbilderin für das Problem nicht professionell geschult sind, dass es aber nur wenige Jugendliche schaffen, ihr SVV ohne professionelle Hilfe in den Griff zu bekommen. Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto größer sind die Chancen einer Heilung. Darüber hinaus bietet professionelle Hilfe einen geschützten Rahmen zur Reflexion der eigenen Lebenssituation. „Mach einen kleinen ersten Schritt, probiere ihn aus und schau dann weiter! Entscheide nicht so viel auf einmal!"
    • Helfen Sie Ihrem Azubi dabei, die Kontrolle zu gewinnen beziehungsweise zu behalten.
      Kontrolle ist ein Grundbedürfnis eines jeden Jugendlichen. Krisen entstehen häufig dann, wenn über den Kopf des Jugendlichen hinweg entschieden wird. Übergeben Sie darum die Kontrolle für das weitere Vorgehen an Ihren Azubi: „Bist Du mit diesem Vorgehen einverstanden? Denke darüber nach, entscheide selbst, was für Dich gut ist, nimm aber meinen Rat ernst!"
    • Tragen Sie im Betrieb zu einem gesunden Miteinander bei.
      Erst einmal sollten Sie im Betrieb einen gesunden Umgang mit Stress vorleben. Suchen Sie den Austausch mit allen Auszubildenden und seien Sie offen für Kommunikation. Erwarten Sie von Ihren Auszubildenden, dass sie sich an allen betrieblichen Aktivitäten, auch dem gemeinsamen Gang in die Kantine und den Pausengesprächen, beteiligen. Setzen Sie Grenzen und lassen Sie berechenbare Konsequenzen folgen, falls diese Grenzen überschritten werden. Wählen Sie positive Konsequenzen, die der Allgemeinheit zugutekommen.
    • Haben Sie Geduld! Erwarten Sie keine schnellen Resultate in Bezug auf SVV. Es wird Rückschläge auf dem Weg zur Heilung geben. Rückschläge und Verzögerungen bedeuten nicht, dass Ihr Azubi nicht vorwärtskommt. Mit jedem offenen Gesprächsangebot wird sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass das nachfolgende Krisengespräch konstruktiver und produktiver sein wird.
  • Hier finde ich Hilfe: Beratungs- und Unterstützungsangebote

    • Rote Tränen. Selbsthilfeseite für Betroffene www.rotetraenen.de
    • Versteckte Scham. Selbsthilfeseite für Betroffene www.verstecktescham.de
    • Selbstverletzung. Hilfeseite für Betroffene und Angehörige www.selbstverletzung.com
    • Rote Linien. Kontakt- und Informationsforum für SSV-Angehörige www.rotelinien.de
    • Auf der Internetseite der Stiftung "Achtung Kinderseele" erhalten Sie umfangreiche Informationen zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sowie eine Übersicht von kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen in Deutschland. http://www.achtung-kinderseele.de
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