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Interkulturelle Konflikte bei geflüchteten Azubis

  • Woran denken Sie beim Begriff "Kultur"?

    Interkulturelle Konflikte 1

    © aga7ta / Fotolia

    Wenn Sie einen Flyer über das Kulturprogramm Ihrer Stadt lesen, erwarten Sie darin Informationen über Konzert- und Theaterangebote, wann eine Lesung stattfindet oder welches Sportangebot aktuell läuft. So verstandene Kultur ist etwas sehr Schönes – eine schöpferische Leistung. Menschen haben viele Kulturleistungen vollbracht: Sie haben Musik und Sprache entwickelt, Wissen über Körper und Geist des Menschen erworben, Rätsel der Natur und des Universums entschlüsselt und vieles mehr. Diese großartigen Kulturleistungen wurden von unterschiedlichen Männern und Frauen zu unterschiedlichen Zeiten an ganz unterschiedlichsten Orten dieser Erde geschaffen.

    Moderne Gesellschaften haben über Generationen eigene Formen und Regeln des Zusammenlebens entwickelt, Traditionen überliefert, leben nach unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen, die jeweils eigene Werte, Normen und Moralvorstellungen hervorgebracht haben.

    Wo ist also das Problem mit der "Kultur"?

  • Warum nicht einfach kulturell anpassen?

    Bitte nehmen Sie sich an dieser Stelle etwas Zeit, um sich an Ihre Kindheit und Jugend zu erinnern. Bei der Geburt hatte keiner von uns eine Vorstellung von Kultur – Kultur steckt nicht in den Genen, sondern wird erlernt. Jeder von uns hat seine Werte, Normen und inneren Haltungen zunächst einmal bei den vertrautesten Bezugspersonen abgeschaut und nach und nach aus dem weiteren Umfeld ergänzt. Meist erst in der Pubertät haben wir angefangen, das eine oder andere infrage zu stellen und für uns vielleicht auch zu verändern. Aber insgesamt haben wir überwiegend den weiten Rahmen unserer Kultur nicht verlassen. Denn es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Wir sind in unsere jeweilige Kultur sprichwörtlich "hineingewachsen", sie ist für uns sinnvoll und logisch. Wir können uns nicht vorstellen, darauf zu verzichten.

    Können Sie diesen Gedanken zustimmen? Wenn ja, verstehen Sie gut, dass es Ihren Azubis, die als Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland gekommen sind, genauso geht. Sie haben sich von Kind an mit der Kultur ihrer wichtigsten und vertrautesten Menschen identifiziert und sind in diese Kultur hineingewachsen. Jede Herabsetzung dieser Kultur oder der Zwang, sie aufzugeben, kommt einer massiven Bedrohung gleich und wird abgewehrt. Kein Mensch will das, was ihm "vertraut" ist und ihm dadurch Sicherheit, Halt und vor allem das Gefühl der Zugehörigkeit gibt, verlassen, um sich einer unvertrauten Kultur vollkommen "anzupassen".
    Junge Geflüchtete sind durch äußere Umstände wie Krieg, Vertreibung und Verfolgung in die Situation gekommen, ihren vertrauten Kulturkreis verlassen zu müssen. Von der europäischen Kultur haben sie oft nur vage oder falsche Vorstellungen und sie befinden sich mitten im Integrationsprozess.

    Integration bedeutet für sie, gleichberechtigt an der Gesellschaft und (damit der Kultur) teilzuhaben, Gesetze zu achten, ihre Rechte wahrzunehmen und Pflichten zu kennen, ohne jedoch gezwungen zu sein, ihre eigene Kultur völlig aufzugeben. In diesem langen und schwierigen Prozess brauchen sie die Unterstützung ihres sozialen Umfelds. Die betriebliche Arbeitswelt spielt dabei eine wichtige Rolle.

    Politische und wirtschaftliche Gründe, die sie gezwungen haben, den eigenen Kulturkreis zu verlassen, unterscheiden Geflüchtete von den meisten Auszubildenden mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind und die deutsche Kultur schon kennen. Diese Auszubildenden der zweiten oder dritten Generation sind nicht nur verbal, sondern auch kulturell "zweisprachig". Diese kulturelle "Zweisprachigkeit" kann auch ein Ziel der Integration von Geflüchteten sein.

  • Was kann ich tun, wenn bei meinen Azubis verschiedene Kulturen aufeinanderprallen?

    Interkulturelle Konflikte 2

    © kamasigns / Fotolia

    Menschen sind bis zu ihrem Lebensende lernfähig. Wer will, kann ein Leben lang Meinungen, Werte und Normen, die innere Haltung – also das "kulturelle Fundament" einer Persönlichkeit – durch Lernen verändern. Diese Bereitschaft braucht jedoch einen Rahmen, der Vertrauen gibt und Vertrautheit gewährt. Auf Ihr Unternehmen bezogen heißt das: einen Rahmen, in dem sich Ihre Azubis ohne Angst vor Abwertung zeigen können. Der "Königsweg", um interkulturellen Konflikten vorzubeugen, besteht darin, sich gegenseitig kennenzulernen. Machen Sie selbst den ersten Schritt und informieren Sie sich über den Kulturkreis der Geflüchteten, die als Azubis zu Ihnen kommen. Gemeint ist damit natürlich kein wissenschaftliches Studium. Nehmen Sie sich einfach einmal etwas Zeit, um sich beispielsweise über die Unterschiede bezüglich Umgangsformen, Hierarchien, Kleidung, Essen und anderes schlauzumachen. Suchen Sie sich eine Ansprechperson in Ihrer Nähe – eine Kollegin oder einen Kollegen aus dem betreffenden Kulturkreis oder ein Mitglied aus einer Integrationsstelle – oder nutzen Sie Informationsquellen im Internet.

    Geben Sie sich selbst und Ihren Auszubildenden dann die Möglichkeit, sich gegenseitig in ihrer Persönlichkeit kennenzulernen. Denn das "Nichtkennen" des anderen und das "Nichtwissen" von dem anderen lösen Angst aus und provozieren Abwehr. "Flüchtlinge" werden in Deutschland oft als Problem, ja sogar Bedrohung dargestellt. Wenn ein junger Mensch als Flüchtling eine Ausbildung bei Ihnen beginnt, hat dieser anonyme, pauschale Begriff ein Gesicht und eine konkrete Geschichte.

    Grundsätzlich gilt: Je mehr wir voneinander wissen, je besser wir einander kennen, umso weniger Angst haben wir voreinander, auch wenn wir unsere Wurzeln in unterschiedlichen Kulturen haben.

    Bereiten Sie Ihre Azubi-Gruppe darauf vor, dass ein/-e Geflüchtete/-r Teil ihrer Gruppe sein wird. Besprechen Sie gemeinsam, was die anderen Azubis darüber denken und welche Vorbehalte sie eventuell haben. Machen Sie deutlich, dass alle einen Beitrag dazu leisten können, damit sich der oder die Geflüchtete gut im Betrieb einleben kann und das Ausbildungsziel erreicht.

    Nutzen Sie die Erfahrungen anderer Azubis mit Migrationshintergrund. Sie kennen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die es zwischen zwei Kulturen geben kann. Diskutieren Sie das in der Gruppe und entwickeln Sie gemeinsam mit den Azubis Ideen des interkulturellen Austauschs.

    Betrachten Sie Ihre Azubigruppe in ihrer multikulturellen Zusammensetzung: Besteht die Gefahr persönlicher Konflikte, die über interkulturelle Differenzen hinausgehen? Gibt es Nationalitäten, die aufgrund politischer Konflikte (verfeindete Volks- oder Religionsgruppen, (Bürger-)Kriegsgegner) aneinandergeraten könnten? Machen Sie klar, dass solche Auseinandersetzungen im Betrieb keinen Platz haben.

    Um sich gegenseitig kennenzulernen, schaffen Sie Möglichkeiten zur Begegnung für Ihre Auszubildenden.

    Hier nur zwei Beispiele:

    • Gestalten Sie den ersten Arbeitstag so, dass die jungen Geflüchteten Gelegenheit haben, sich vorzustellen, und ihre Herkunft und Erfahrungen in Deutschland darstellen können. Nehmen Sie Rücksicht darauf, dass nicht alle Geflüchteten gleich über ihre Fluchtgründe und -geschichten sprechen können.
    • Veranstalten Sie ein wöchentliches gemeinsames Frühstück, bei dem miteinander über alles Mögliche gesprochen werden kann – ausnahmsweise aber mal nicht unbedingt über die Arbeit. Möglicherweise kann auch jeder Azubi einmal das Frühstück entsprechend seiner (kulturellen) Essgewohnheiten ausrichten. Schaffen Sie die Gelegenheit, dass jede/-r von sich erzählen oder von anderen gefragt werden kann, wenn er oder sie bereit dazu ist. Was machst du in deiner Freizeit? Wen kennst du hier? Was gefällt dir an Deutschland und was nicht? Moderieren Sie dabei das Gespräch so, dass Erzählungen auch aufgenommen werden können.

    Auf diesem Weg kann aus "unserem Flüchtling" auf einmal "Said" werden, "der sehr gut Gitarre spielen kann und für Glaubensfreiheit ist". So wird aus einer Verallgemeinerung eine eigenständige Persönlichkeit. Auch wenn dies nicht immer ganz so unkompliziert verläuft wie in unserem Beispiel, ist der Schritt vom Allgemeinen zum Besonderen hilfreich. Denn durch den Austausch können alle Beteiligten ihre inneren Haltungen, Werte, Meinungen mit denen der anderen vergleichen und hinterfragen. Wenn gute Erfahrungen miteinander gemacht werden, wiegen die Unterschiede nicht mehr so schwer und Sie haben den Grundstein zur Toleranz gelegt.

    Haben Sie also den Mut zur Kreativität und entwickeln Sie ähnliche verbindende Projekte, die gut zu Ihrem Unternehmen passen (Fußballmannschaft, Firmenband, Theatergruppe, Kegeln, Kartenspielen, …).

    Auf einem solchen Weg haben Sie, Ihr Unternehmen und Ihre Auszubildenden die Chance, sich an der Vielfalt der Kulturen zu erfreuen und ganz nebenbei auch noch voneinander lernen zu können.

  • Was tun, wenn Sie interkulturelle Konflikte trotzdem nicht vermeiden können?

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    © kebox / Fotolia

    Persönliche Konflikte sind nicht immer lösbar und so ist es auch mit interkulturellen Konflikten. Wenn dies der Fall ist, greifen Sie auf bewährte Maßnahmen zurück: Trennen Sie die Konfliktparteien, soweit dies möglich ist, im Arbeitsalltag und berufen Sie sich auf die betriebliche Arbeitsordnung, der sich jede/-r Mitarbeiter/-in unterzuordnen hat.

    In diesem Fall können auch Fachleute weiterhelfen: Willkommenslotsen und -lotsinnen, Ausbildungsberater/-innen, Mitarbeiter/-innen in Integrationsbeiräten oder Integrationsfachstellen der Städte und Kommunen. Adressen in Ihrer Nähe finden Sie im Internet oder Sie erhalten Auskunft bei der für Sie zuständigen IHK oder HWK.

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