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Bewerbungsgespräche mit geflüchteten Azubis

  • Was muss ich bedenken, wenn ich ein Bewerbungsgespräch mit jugendlichen Geflüchteten führen möchte?

    Bewerbungsgespräch

    © Gina Sanders / Fotolia

    In einem Bewerbungsgespräch möchten Sie alle wesentlichen Informationen über den/die Bewerber/-in erfragen, um schließlich eine Entscheidung treffen zu können. Die Eignung des jungen Menschen einerseits und die Anforderungen des Ausbildungsplatzes andererseits sollen sich weitgehend entsprechen. Sie wissen am besten, welche Anforderungen an die Auszubildenden gestellt werden, denn jeder Ausbildungsberuf hat seine speziellen Schwerpunkte und Ihr Unternehmen individuelle Besonderheiten.

    Gespräche mit jungen Geflüchteten sind eine besondere Situation. Wie schaffe ich die Balance zwischen meinem Wunsch, alle benötigten Informationen für eine gute Auswahl von den Jugendlichen zu erhalten und die Potenziale zu erkennen, ohne i sie (sprachlich) zu überfordern? Vielfach zeigen sich erst im Laufe der Ausbildung Potenziale, die man allein aufgrund der Bewerbungsunterlagen oder des Bewerbungsgesprächs nicht vermutet hätte.

    Auch in Bewerbungsgesprächen mit Flüchtlingen gilt: Wer sich auf Bewerbungsgespräche gezielt vorbereitet und offen für die Bewerber/-innen ist, muss sich über den Ablauf keine Sorgen zu machen.

    Versetzen Sie sich zunächst in die Lage der Bewerber/-innen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie in einer Sprache, die Sie noch nicht so gut beherrschen, mit einer fremden Person über eine Ausbildungsstelle sprechen sollten? Nervös? Unsicher? Eingeschüchtert? Neugierig? Angespannt?

    Angehende Auszubildende mit Fluchthintergrund sind kommunikativ meist unerfahren und noch nicht in der Lage, alle Fähigkeiten und Eigenschaften, über die sie verfügen, im Gespräch aufzuzeigen. Im günstigsten Fall sind Bewerbungsgespräche in Deutschkursen oder Integrationsklassen geübt worden. Gehen Sie davon aus, dass die Bewerber/-innen noch keine echten Bewerbungsgespräche geführt haben.

    Anhand der Bewerbungsunterlagen können Sie sich schon auf das Bewerbungsgespräch vorbereiten. Gehen Sie davon aus, dass in den meisten Fällen jemand geholfen hat, Lebenslauf und Anschreiben zu verfassen. Das kann bedeuten, dass schriftlicher Ausdruck und Sprachkenntnisse nicht das gleiche Niveau haben.

    Welche Punkte im Lebenslauf des Bewerbers oder der Bewerberin sind für Sie besonders interessant? Gibt es Hinweise auf Vorerfahrungen oder Interessen, die sich gut mit dem Ausbildungsberuf verbinden lassen? Formulieren Sie einfache Fragen dazu.

    Wen Sie einen Termin vereinbaren, weisen Sie Ihre Bewerber/-innen darauf hin, dass sie eine Vertrauensperson (Pate oder Patin, Vormund, Mentor/-in) oder einen Übersetzer oder eine Übersetzerin zum Bewerbungsgespräch mitbringen können. Das gibt den Bewerbern und Bewerberinnen Sicherheit in einer unbekannten Situation und Sie können im Gespräch mehr Informationen erhalten.

    Um sich noch besser auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten, können Sie auch die Erfahrungen anderer Ausbilder/-innen nutzen: Suchen Sie sich in Ausbildungsarbeitskreisen, entsprechenden Internetforen usw. Ansprechpartner/-innen, mit denen Sie sich zu diesem Themenbereich austauschen können.

  • Welche Bedeutung haben schlechte Noten oder Lücken im Lebenslauf? Wie kann ich damit umgehen?

    Bewerber/-innen mit Fluchthintergrund könnten aufgrund ihrer Bewerbungsunterlagen nicht sehr vielversprechend erscheinen. Bildungswege und praktische Tätigkeiten in anderen Ländern unterscheiden sich oft von typischen Lebensläufen, die uns aus unserem Kulturkreis vertraut sind. Es fehlen Zeugniskopien oder Bescheinigungen, weil sie verloren gegangen sind oder nicht beschafft werden können. Versuchen Sie, die Bewerber/-innen möglichst neutral zu sehen. Denn fehlende Unterlagen und schlechte Noten im Sprachkurs allein sind kein Hinderungsgrund für einen erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung.

    Lücken im Lebenslauf können gerade bei Flüchtlingen durchaus schlüssige Erklärungen finden: Längere Zeiten auf der Flucht oder die Unmöglichkeit in einem Kriegsgebiet die Schule zu besuchen sind die häufigsten Gründe für einen nicht geradlinigen Lebenslauf.

  • Wie führe ich ein professionelles Bewerbungsgespräch, das die jugendlichen Geflüchteten nicht überfordert?

    Bauen Sie Wohlfühlbrücken zu Ihrem möglichen Azubi: Schaffen Sie eine ruhige und ungestörte Gesprächsatmosphäre, in der alle Beteiligten möglichst offen ihre Fragen anbringen können. Bereitgestellte Getränke tragen zur Auflockerung bei.

    Führen Sie das Gespräch mit dem Vorsatz "Keep it simple!". Sprechen Sie klar und deutlich, gegebenenfalls langsam. Verzichten Sie auf Ironie und Doppeldeutigkeit, um Missverständnisse zu vermeiden. Stellen Sie einfache Fragen und stellen Sie durch Rückfragen sicher, dass Ihr/-e Gesprächspartner/-in Sie versteht. Denken Sie daran, dass der Bewerber oder die Bewerberin den Hauptteil des Gesprächs bestreiten soll, Sie hingegen stets das Gespräch leiten. Seien Sie geduldig, wenn Ihr/-e Gesprächspartner/-in nach Worten sucht oder etwas nicht gleich erklären kann.

    • Begrüßung und Small Talk tragen wesentlich dazu bei, die Gesprächssituation zu entspannen. Zum Beispiel: "Schön, dass Sie da sind! Ich bin Herr/Frau …, wie geht es Ihnen? Sind Sie sehr aufgeregt? Setzen Sie sich bitte erstmal, möchten Sie etwas trinken?"
    • Stellen Sie sich selbst und Ihre Funktion im Unternehmen kurz vor.
    • Stellen Sie zuerst allgemeine Fragen zur Person, Nationalität und zum Herkunftsland. Die Inhalte des Lebenslaufs kennen Bewerber/-innen am besten. Zum Beispiel: "Welche Schule haben Sie besucht und in welchen Fächern waren Sie gut? Haben Sie schon einmal gearbeitet? Was können Sie gut? Was macht Ihnen Spaß? Welche Sprache/-n sprechen Sie? Wie lange sind Sie schon in Deutschland? Welche Städte kennen Sie? Welchen Aufenthaltsstatus haben Sie? Wie gefällt es Ihnen in Deutschland? Wo wohnen Sie? Wo machen Sie den Sprachkurs? Was machen Sie in Ihrer Freizeit? Haben Sie Kontakt zu Deutschen?"
    • Dann können inhaltliche Fragen zur Wahl des Ausbildungsberufs und des Unternehmens folgen. Zum Beispiel: "Warum möchten Sie gern ... werden? Was wissen Sie über die Ausbildung im Bereich …? Was wissen Sie über unsere Firma und unsere Produkte? Wie würden Sie zum Ausbildungsplatz und in die Berufsschule kommen?"
    • Geben Sie Informationen über Unternehmen, Produkte/Dienstleitungen und Ausbildungsplatz. Nehmen Sie Firmenprospekte zu Hilfe, Fotos sagen mehr als Worte. Halten Sie, wenn möglich, auch Anschauungsobjekte ihres Produkts bereit.
    • Erklären Sie, welche Anforderungen Sie an den/die Bewerber/-in stellen. Zum Beispiel: "Wir suchen jemanden, der gerne mit Metall/Holz/elektrischen Anlagen/Maschinen/Lebensmitteln … arbeitet. Bei uns muss man gut mit anderen Kollegen und Kolleginnen, Kunden und Kundinnen zusammenarbeiten. Wir legen Wert auf Pünktlichkeit/genaues Arbeiten/Zuverlässigkeit."
    • Geben Sie dem/der Bewerber/-in die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Gegenfragen könnten sein
      - Welche Arbeitszeiten habe ich?
      - Werden noch andere Azubis eingestellt, wie viele insgesamt?
      - Gibt es andere Migranten und Migrantinnen im Betrieb?
      - Wie viel Urlaub bekomme ich und welches Gehalt?
      - Bestehen Möglichkeiten für eine Weiterbeschäftigung nach der Ausbildung?
      - Wo ist die Berufsschule? Wie sind die Berufsschulzeiten?
    • Gesprächsschluss und Verabschiedung
      Danken Sie für das Gespräch und fassen Sie Ihren ersten Eindruck von dem/der Bewerber/in zusammen. Klären Sie, wann und wie der Bewerber mit einer Nachricht rechnen kann. Bieten Sie an, dass der/die Bewerber/in Kontakt zu Ihnen aufnehmen kann, falls es noch offene Fragen gibt, die ihm/ihr erst später einfallen.

    Einige Fragen verbieten sich im Bewerbungsgespräch: So sind beispielsweise Fragen nach Beziehungsstand, Schwangerschaft, Kinderwunsch, Vorstrafen oder allgemeinen Behinderungen nicht angebracht und würden darüber hinaus eine Bewerberin oder einen Bewerber eher verwirren. Nach einer Behinderung und Vorstrafen darf nur dann gefragt werden, wenn sie für die zukünftige Tätigkeit relevant sind.

  • Wie kann ich die praktischen Fähigkeiten von Bewerber/-innen einschätzen?

    Überlegen Sie, ob es sinnvoll sein könnte, das Bewerbungsgespräch um eine kurze und einfache praktische Übung zu erweitern. Die Art und Weise, wie der/die Bewerber/-in mit Werkzeugen, Material und Zeichnungen umgeht, kann Aufschluss darüber geben, ob und wieweit er/sie für den Beruf geeignet ist. Beispiele: Steckverbindungen, Schraubverbindungen, Holzbearbeitung, Zeichnungen lesen, Skizzen anfertigen.

    Wenn Sie eine praktische Übung zum Teil des Bewerbungsgesprächs durchführen wollen, teilen Sie dies dem Bewerber vorher mit. "Wir werden einen kurzen praktischen Einstelltest von circa 30 Minuten mit Ihnen machen."

  • Nachbereitung des Gesprächs und Beschäftigungsalternativen

    Nehmen wir an, der oder die Bewerber/-in hat einen guten persönlichen Eindruck hinterlassen und Sie können sich eine Zusammenarbeit vorstellen. Sie sind jedoch der Meinung, dass Ausbildungsreife und Sprachvermögen noch nicht ausreichen, eine Ausbildung zu beginnen.

    Überlegen Sie, ob ein Praktikum in Form eines freiwilligen Praktikums oder einer Einstiegsqualifizierung geeignet wäre, um den/die Bewerber/-in auf eine Ausbildung vorzubereiten. Es gibt inzwischen viele auf Flüchtlinge abgestimmte Maßnahmen der Berufsvorbereitung, in denen Praktikanten und Praktikantinnen mit Fluchthintergrund gezielt gefördert und Betriebe personell und finanziell unterstützt werden. Informationen dazu finden Sie in den Wissensbausteinen "Einstiegsqualifizierung", "Praktikum" und "Berufsorientierung für Geflüchtete".

  • Hier finde ich Hilfe: Informationen, externe Unterstützungs- und Beratungsangebote

    Willkommenslotsen und -lotsinnen Ihrer IHK oder/HWK stehen Ihnen als Berater/-innen bei der Auswahl von Flüchtlingen zur Seite.

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