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Fehlender Bezug zur Arbeitswelt Geflüchtete

  • Woran liegt es, dass vielen jugendlichen Geflüchteten der Bezug zur Arbeitswelt fehlt?

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    © DDRockstar / Fotolia

    Je nach sozialem Status, Schulbildung und Herkunftsland haben Geflüchtete unterschiedliche Erfahrungen mit der Arbeitswelt gemacht. Es kann z.B. sein, dass jemand zwar eine berufliche Fachschule besucht hat, jedoch wenige praktische Erfahrungen sammeln konnte oder gar keine weiterführende Schule besucht hat und in einem wenig technisierten, familiären Kleinbetrieb als "Angelernter" gearbeitet hat.

    Da in Kriegssituationen die wirtschaftliche und öffentliche Infrastruktur zerstört wird, können Erfahrungen eines normalen, geregelten (Arbeits-)Lebens oft lange zurückliegen. Jugendliche Geflüchtete aus Ländern, in denen schon sehr lange Krieg herrscht, kennen ein geregeltes Leben oft gar nicht.

    Der Übergang in einen deutschen Betrieb ist für die jungen Flüchtlinge eine völlig neue Situation. Ein großer Betrieb mit vielen Mitarbeitern, hochmoderne Werkzeuge, Anlagen und Verfahren, die Vielfalt der Produkte und Dienstleistungen, strukturierte Arbeitsabläufe, betriebliche Hierarchien und Regeln der Zusammenarbeit sind oft völlig neu bzw. unterscheiden sich mitunter sehr von der Arbeitswelt in den Herkunftsländern.

    Viele Dinge, die für Mitteleuropäer/-innen selbstverständlich sind, müssen Menschen aus anderen Kulturen zunächst einmal erklärt werden. Hier einige Beispiele:

    • Zeitplanung und Zeithorizont: Menschen in westlichen Industrieländern planen den Tag, die Woche, Monate und manchmal sogar Jahre im Voraus. Wir haben eine "innere Uhr", mit der wir unsere Tage strukturieren. Pünktlichkeit gehört zum sozialen Miteinander. In anderen Kulturen ist das nicht unbedingt so. Der Zeitbegriff ist ein anderer, oft werden nur wenige Tage überblickt oder man orientiert sich an wiederkehrenden Ereignissen und Jahreszeiten. Kommt ein Geflüchteter aus einer wenig industrialisierten Gesellschaft und ist nicht durch Institutionen westlicher Prägung sozialisiert (höhere Schulen oder Behörden), muss er lernen, sich in unserem Zeitsystem zurechtzufinden.
    • Qualität/Genauigkeit: Im technischen Umfeld wird viel gemessen, geprüft und dokumentiert. Dass Genauigkeit den Unterschied zwischen gut und Ausschuss ausmacht, müssen Geflüchtete erst lernen. Schriftliche Kommunikation steht in unserem Kulturkreis für Verbindlichkeit und Kontrolle. In anderen Kulturen gilt das gesprochene Wort.
    • Verantwortung für die eigene Arbeit: Wir erwarten von Kollegen und Mitarbeitern, dass sie die Ihnen übertragenen Aufgaben verantwortungsvoll erfüllen. Das gilt auch für "Nebenarbeiten" wie das Reinigen von Werkzeugen und Maschinen, pfleglicher Umgang mit Arbeitsmitteln und Ordnung am Arbeitsplatz. Kommt ein Geflüchteter aus einer stark hierarchischen Gesellschaftsordnung, kann es sein, dass er diese Tätigkeiten als "unwürdig" betrachtet, weil dies in seiner Kultur jemand für ihn macht, der in der Hierarchie niedriger angesiedelt ist.
    • Hierarchie im Betrieb: In modernen Betrieben wird Wert auf Teamarbeit gelegt und den Mitarbeitern viel Verantwortung übertragen. Diese Art der Zusammenarbeit ist für viele Geflüchtete fremd, weil sie strenge Hierarchie- und Befehlsstrukturen kennen. Besonders schwierig kann es werden, wenn (junge) Frauen und jüngere Männer Arbeitsaufträge erteilen oder um ein Gespräch bitten.
  • Was können Sie frühzeitig für diese Jugendlichen tun?

    Jugendlichen Flüchtlingen fehlt die schulische Berufsvorbereitung, die in Deutschland schon in der 7. Klasse einsetzt. Ein mehrmonatiges Praktikum ist die ideale Möglichkeit, sie auf eine Ausbildung vorzubereiten (siehe Berufsvorbereitung). Auch Betriebsbesichtigungen, Tages- und Schnupperpraktika können angeboten werden. Unterstützung erhalten Sie u.a. von den Willkommenslotsen Ihrer IHK oder HWK.

    Während eines Praktikums oder einer Einstiegsqualifizierung (EQ) hat der Betrieb die Möglichkeit, den jungen Geflüchteten und seine Fähigkeiten und Kenntnisse kennenzulernen. Andererseits können junge Geflüchtete erste Schritte in die Arbeitswelt machen und Sprachkenntnisse erweitern, ohne zusätzlich schon mit den Lerninhalten der Berufsschule belastet zu werden.

  • Was bedeutet dies für den Umgang mit Ihren Azubis?

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    © drubig-photo

    In der Summe kann dies bedeuten, dass Sie einen Azubi haben, der bislang nur wenige Berührungspunkte mit dem uns vertrauten Berufs- und Arbeitsleben hatte. Daher können ihm oder ihr manche Prozesse und Arbeitsschritte schwerfallen, die Ihnen selbstverständlich erscheinen.

    Betriebe, die junge Geflüchtete beschäftigen, weisen immer wieder darauf hin, wie wichtig Regeln im Arbeitsalltag sind. Diese umfassen Arbeits- und Pausenzeiten, Arbeitssicherheitsvorschriften, Ablauf von Urlaubs- und Krankmeldungen, Umgang mit Kunden, Qualitätsansprüche usw. Wichtig ist, Probleme gleich offen anzusprechen. Zeigen Sie ihren Azubis die internen Prozesse und Produkt- und Dienstleistungsanforderungen auf und leiten Sie Regeln ab, die für alle Betriebsangehörigen gelten. Machen Sie verständlich, warum es diese Regeln gibt und welche Konsequenzen es hat, gegen die Regeln zu verstoßen.

    Klären Sie, dass sowohl Frauen als auch jüngere Kollegen und Kolleginnen Arbeitsaufträge erteilen können und dies nicht ausschließlich der/die Firmenleiter/-in oder direkte Vorgesetzte tun. Ermuntern Sie die Geflüchteten, sich einzubringen und Probleme direkt anzusprechen.

    Suchen Sie Patinnen oder Paten für ihre Auszubildenden, die betriebliche Zusammenhänge und Abläufe erklären können und den Azubis für Fragen zur Verfügung stehen. Patinnen und Paten haben auch die wichtige Funktion einer persönlichen Bezugsperson.

    Wenn Sie als Ausbilder/-in Ihre Azubis öfter in Situationen finden, in denen sie auch bei einfachen Tätigkeiten oder Anweisungen einen überforderten oder ratlosen Eindruck machen, suchen Sie das Gespräch. Durch einen offenen und direkten Austausch untereinander vermeiden Sie Missverständnisse sowie das Aufkommen von Vorbehalten und weiteren Problemen.

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