"Schule - das ist das beste Willkommensgeschenk"

Auf einen Blick

Der gebürtige Bosnier Admir Bahonjic kam 1993 als jugendlicher Flüchtling nach Deutschland. Im ersten Teil des Interviews erzählt er, wie er hier ankam, weiter eine Schule besuchen durfte, sich beruflich behauptete, eine Ausbildung und drei Meisterbriefe machte, schließlich selbst Unternehmer wurde - und weshalb er fast vergebens nach Auszubildenden suchte.


Interview (Teil 1)

Herr Bahonjic, Sie sind 1993 wegen des Kriegs aus Bosnien nach Deutschland geflüchtet. Wie alt waren Sie da?

Ich war gerade 13 geworden und in der 8. Klasse, als der Krieg im Mai 1992 meine Heimatstadt Kozarac erreichte und ich die Schule abbrechen musste. Meine Eltern flohen dann im Jahr darauf mit mir über Kroatien nach Warendorf im Münsterland, wo ein Onkel von mir lebte.

Mit welchen Erwartungen, Hoffnungen und Träumen sind Sie damals nach Deutschland gekommen? Und mit welchen beruflichen Vorstellungen?

Ich wollte einfach weg vom Krieg und sicher leben. Ich habe mir keine große Hoffnung auf eine vernünftige Ausbildung gemacht. Ich bin kein Träumer, ich bin davon ausgegangen, auf dem Bau als Hilfsarbeiter zu enden - was ich auch gerne gemacht hätte, wenn sich nichts anderes ergeben hätte.

Was waren die größten Schwierigkeiten, mit denen Sie als junger Mensch in einem fremden Land zu kämpfen hatten? Welche Rolle spielte damals die Sprache, welche Rolle bürokratische Hürden?

Natürlich waren die nicht vorhandenen Sprachkenntnisse das größte Problem. Aber ich bin ein offener Mensch, der kein Problem hat, sich auch mal zu blamieren. Ich habe mit Händen und Füßen versucht zu kommunizieren und schnell sprachliche Fortschritte gemacht. Als schulpflichtiges Kind hat man nicht viel mit bürokratischen Hürden zu kämpfen. Man darf zu Schule gehen - das ist das beste Willkommensgeschenk. Die Probleme kamen erst, als ich volljährig war und meine Eltern und ich abgeschoben werden sollte. Wenn sich mein damaliger Chef nicht für mich eingesetzt hätte, wäre ich jetzt nicht mehr hier.

Was haben Sie damals aktiv getan, um einen Ausbildungsplatz zu erhalten? Wer hat Sie beraten?

Ich wurde damals vom Arbeitsamt beraten. Ich war nicht wählerisch und habe Bewerbungen für die verschiedensten Berufe geschrieben und gehofft, dass mich irgendjemand nimmt. Meine Lehre habe ich in einem angesehenen Betrieb in Warendorf gemacht, wo ich auch danach gearbeitet habe.

Sie sind heute Inhaber und Geschäftsführer der Warendorfer Firma Hinkerode Haus- und Gebäudetechnik. Wie sind Sie Unternehmer geworden?

Ich habe nach der abgeschlossenen Ausbildung sofort die Meisterschule nebenberuflich begonnen. Ich bin normal meiner Arbeit nachgegangen und war Freitagnachmittag und den ganzen Samstag in der Schule. Am Wochenende war ich abends als Türsteher beschäftigt, um mir die Schule zu finanzieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss habe ich 2007 die Firma Hinkerode, wo ich am Ende der Meisterschule als Monteur angefangen hatte, wie vorher vereinbart von deren Inhaber gekauft. Es war keine gesunde Firma, aber der Name war deutsch und in der Umgebung geläufig. Es gab finanzielle Unterstützung vom Arbeitsamt - und natürlich von der Förderbank KfW.

Worauf gründet sich Ihr Erfolg?

Ich habe drei Meisterbriefe: für das Klempner-, das Installateur- und das Heizungsbauerhandwerk. Um Erfolg zu haben, muss man die bestmögliche Qualität liefern. Ich arbeite bei meinen Kunden, als ob ich bei mir zuhause arbeiten würde: Zusatzkosten vermeiden, möglichst schnell arbeiten und die Baustelle sauber hinterlassen. In meinem Ausbildungsbetrieb habe ich von meinem Chef viel gelernt und mitbekommen, was mir geholfen hat, meinen Betrieb auf die Beine zu stellen. Zusammen mit meiner Frau haben wir die Firma langsam aufgebaut, um uns finanziell nicht zu übernehmen. Nach zehn Jahren kann ich nun behaupten dass ich es geschafft habe.

Bilden Sie auch selbst aus?

Ich hatte eine Zeit lang beim Arbeitsamt eine Anzeige für eine Ausbildungsstelle. In dieser Zeit habe ich im Durchschnitt drei Bewerbungen pro Jahr bekommen - fast nur von Hauptschülern mit den miesesten Noten. Ich habe auch mehrere Bewerbungsgespräche geführt, die leider alle negativ ausfielen. Momentan habe ich einen Azubi im 3. Lehrjahr. Er ist mein Neffe, aber ich behandle ihn, wie ich jeden anderen behandeln würde. Ich denke, die heutigen Azubis sind genauso wie früher: Es gibt gute Tage und Tage, an denen man sie zu ihrem Glück zwingen muss. Ich finde es schade und traurig, wenn ich höre, wie wenige Schüler es in der Berufsschulklasse meines Neffen gibt und immer wieder Ausbildungen abgebrochen werden. Die Jugendlichen sind zu bequem geworden und die Eltern zu nachgiebig in der Erziehung.

Politik und Wirtschaft unterstützen sowohl Unternehmen als auch potenzielle Auszubildende mit einer Vielzahl an finanziellen und praktischen Angeboten. Und dennoch wächst das Problem des Fachkräftemangels zunehmend. Was läuft da schief?

Ich denke, dass heutzutage die handwerklichen Berufe nicht genug Anerkennung erfahren - nicht nur handwerkliche, sondern alle Berufe, die körperlich anstrengend sind. Diese mangelnde Anerkennung spiegelt sich auch bei der Bezahlung wider. Diese Mischung inklusive der Bequemlichkeit der heutigen Jugendlichen macht die Ausbildung unattraktiv.

Fortsetzung: Wie sieht gelungene Integration aus? Lesen sie dazu auch, welche Aspekte hierbei für Herrn Bahonjic eine entscheidende Rolle spielen.

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