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"Integration ist erfolgreich, wenn der Mensch sich akzeptiert fühlt"

Auf einen Blick

Interview:
Hanan Tahmaz
Berufsbildungszentrum (bbz) der IHK Siegen


Interview

bbz-Siegen

Frau Tahmaz, Sie haben als Industriemechanikerin in der Industrie gearbeitet. Wie sind Sie Ausbilderin in einem Berufsbildungszentrum geworden?
Nach der Geburt meiner fünf Kinder stieg ich in einem auf Krantechnik spezialisierten Maschinenbauunternehmen wieder in den Beruf ein. Für das Unternehmen betreute ich unter anderem einige Schülerprojekte mit dem Berufsbildungszentrum der IHK Siegen, was mir sehr viel Spaß machte. Mein Chef schlug mir deshalb vor, Ausbilderin im bbz zu werden. Ich machte dort meinen Ausbilderschein und wechselte anschließend ganz ins bbz.

Wie viele Auszubildende betreuen Sie im Jahr?
Wir starten jährlich im August mit etwa 50 und im Februar mit ca. 20 Auszubildenden .Dazu kommen unsere Projekte "Haus der Berufsvorbereitung" für Flüchtlinge und das neue Fokus-Projekt für Menschen mit Migrationshintergrund mit jeweils circa 18 Personen.

Wie sieht das Projekt aus?
Das Projekt "Fokus" beginnt mit einer Kompetenzfeststellung. Dazu gehören eine Potenzialanalyse, aber auch sprachliche und mathematische Tests. Anschließend müssen die Teilnehmer aus den fünf Bereichen Metall, Handel, Lager/Logistik, Holz sowie Hotel- und Gaststättenbereich drei auswählen, mit denen sie sich bei unseren Trägern (Vorschlag :Kooperationspartnern) jeweils eine Woche intensiv beschäftigen. Danach kommen sie wieder für zwei Tage ins bbz, um gemeinsam festzustellen, für welche Bereiche sie sich eignen. Wir prüfen dann zusammen mit dem Jobcenter, wie es für sie weitergehen kann.

Und das Haus der Berufsvorbereitung?
Hier arbeiten wir mit 15er- bis 16er-Gruppen. Wir bereiten die Flüchtlinge auf die Arbeit in einer Werkstatt vor, zeigen ihnen, was sie dort können müssen, und geben ihnen theoretischen Unterricht. Die Inhalte reichen von Deutsch und Mathematik bis zum Leben in Deutschland und Sozialkunde. Dann gehen die Teilnehmer für zwei Monate in ihren Fachbereich, ob Altenpflege, Arbeiten mit Holz oder in unsere Metallwerkstatt. Anschließend folgt ein ein- oder zweimonatiges Praktikum. Im Idealfall möchten die Unternehmen die Praktikanten gleich behalten, entweder in einer Einstiegsqualifizierung oder einer Ausbildung.

Wie erfolgreich verläuft der Wechsel in die Unternehmen?
Das hat bislang ausgezeichnet funktioniert. Unsere Vermittlungsquote ist hoch. Drei der Teilnehmer des ersten Jahrgangs machen in diesem Sommer ihren Berufsabschluss als Maschinen- und Anlagenführer. Inzwischen wird es allerdings schwieriger, weitere Praktikumsstellen zu finden.

Woran liegt das?
Es sind ganz unterschiedliche Gründe. Ich glaube, viele Unternehmen fürchten die Herausforderung, sich interkulturell zu öffnen. Andere sind dagegen sehr offen und stellen Plätze zur Verfügung, gerade auch kleinere Firmen. Für Flüchtlinge ist es sehr wichtig zu lernen, wie es im richtigen Arbeitsleben läuft. Im Berufsbildungszentrum sind sie ja noch "behütet".

Wie sind Ihre Erfahrungen mit den jungen Geflüchteten?
Zunächst hatte ich Bedenken, ob ich als einzige Frau in der Werkstatt akzeptiert werde. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Frauen in vielen Kulturkreisen im Berufsleben oft nicht akzeptiert werden. Es kam jedoch ganz anders. Manche Teilnehmer fragten mich zwar: "Warum müssen Sie arbeiten?" (lacht) Ich gehe da aber ganz offensiv und spielerisch heran. Meine Antwort lautet: "Hört zu, Jungs, wir leben hier in Deutschland. Dort herrscht Gleichberechtigung, und die Frau hat das Recht, arbeiten zu gehen." Das hat immer gut geklappt und wurde akzeptiert. Die Gruppen nehmen fast alles gut an. Probleme gibt es nur bei einigen Teilnehmern mit der Pünktlichkeit. Das ärgert mich auch und deshalb spreche ich das direkt an.

Was ist wichtig, damit die Ausbildung geflüchteter Menschen funktioniert?
Man muss ihnen früh zeigen, worauf es bei der Ausbildung ankommt. Etwa dass sie pünktlich und zuverlässig sind und den Arbeitsplatz sauber halten müssen. Und sie müssen die Sprache lernen. Es kommt gerade am Anfang auf die grundlegenden Dinge an. Manchmal ist das mühsam, aber es lohnt sich. Allein wegen des Fachkräftemangels müssen die Firmen jetzt umschwenken und die Menschen qualifizieren. Die Leute wollen das auch – Flüchtlinge sind oft motivierter als Auszubildende, die hier aufgewachsen sind und die Sprache gut beherrschen. Die meisten von ihnen sehen die Chance in Ausbildung oder Arbeit zu kommen.

Wie verhalten sich die deutschen Azubis, die mit Flüchtlingen zusammenarbeiten?
Manche fragen zunächst, ob das funktionieren wird. Aber meistens läuft es reibungslos. Viele bieten ihren geflüchteten Kollegen auch Hilfe an. Ein paar kritische Stimmen gibt es immer, aber die Akzeptanz ist da.

Hilft es bei der Ausbildung Geflüchteter, dass sie selbst einen Migrationshintergrund haben?
Ich sage den Teilnehmern: Nehmt euch ein Beispiel an mir. Ich bin 1976 als Flüchtlingskind nach Deutschland gekommen. Wir waren die erste ausländische Familie in Freudenberg. Ich musste als Achtjährige wieder in die erste Klasse, meine Geschwister und ich bekamen nach der Schule Nachhilfeunterricht von unseren Lehrern. So wie wir damals Hilfe bekamen, helfen wir heute den Flüchtlingen. Aber man muss die Hilfen annehmen. So habe ich in Deutschland das Abitur und eine Ausbildung absolvieren können. Und jetzt bin ich neben meinem Beruf in der Weiterbildung zur Industriemeisterin Maschinenbau. Wenn man etwas will, kann man es auch erreichen. Das sage ich unseren Teilnehmern immer wieder.

Was sollte sich bei der Arbeit mit Geflüchteten ändern?
Es müssten sich mehr Firmen interkulturell öffnen und die Chance sehen, Menschen zu qualifizieren und so gegen den Fachkräftemangel anzukämpfen. Integration ist erfolgreich, wenn der Mensch sich akzeptiert fühlt und Arbeit hat. Die Ausbilder entsprechend zu qualifizieren, lohnt sich.

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