"Das ist jetzt mein neues Leben"

Auf einen Blick

Auf einen Blick:
Unternehmen: John Deere GmbH & Co KG
Website: www.deere.de
Mitarbeiter: 2 900 (Standort Mannheim)


Praxisbeispiel

Noch immer hat er Angst, seit er damals aus Bangladesch flüchtete, nach Weißrussland flog und von dort mit dem Auto über Polen nach Berlin kam. Noch immer will er nicht, dass sein richtiger Name veröffentlicht wird, weshalb er hier Rakib Azam genannt wird. Der heute 19-Jährige kam vor zweieinhalb Jahren als unbegleiteter minderjähriger Schutzsuchender nach Deutschland, weil ihn seine Familie aus politischen Gründen allein losschickte – mehr will Rakib Azam darüber nicht erzählen. Jetzt ist er beim größten deutschen Landtechnikhersteller John Deere in der Ausbildung zum Industriemechaniker.

"Seit März 2016 hatten wir vier junge Flüchtlinge in einer Einstiegsqualifizierung für die Fachrichtung Metall", sagt Firmensprecher Ralf Lenge, "und aus dieser Gruppe konnte Rakib Azam als Auszubildender übernommen werden." Seit November 2016 befindet sich eine zweite Gruppe von fünf Flüchtlingen in einer Einstiegsqualifizierung – getestet werden soll, ob sie im September 2017 eine Industriemechaniker-Ausbildung beginnen können. "Wir sehen in der Integration junger Zuwanderer eine gesellschaftliche Verpflichtung unseres Unternehmens", sagt Ralf Lenge und verweist auf das bürgerschaftliche Engagement des 1837 gegründeten Unternehmens, das in 30 Ländern weltweit vertreten ist und allein in Deutschland sechs Standorte unterhält – wobei das Werk Mannheim, wo Rakib Azam arbeitet, 60 Prozent der hierzulande produzierten Traktoren herstellt.

Zu John Deere kam der Junge aus Bangladesch über das Projekt "Flüchtlinge in Ausbildung" von sieben Mannheimer Firmen und dem Arbeitgeberverband Südwestmetall. Diese Initiative, von John Deere-Personaldirektor Ingolf Prüfer angestoßen, ermöglicht Flüchtlingen, die als unbegleitete Minderjährige registriert wurden, eine sechsmonatige Einstiegsqualifizierung in Betrieben und Berufsschulen als Vorbereitung für eine Ausbildung. "Ausreichende Sprachkenntnisse sind eine wichtige Voraussetzung für eine solche Qualifizierung", sagt Ralf Lenge, "die Agentur für Arbeit hat uns dafür dann geeignete Kandidaten vorgeschlagen." Neben der Agentur für Arbeit wird das Unternehmen intensiv von der Ausländerbehörde und vom Jugendamt unterstützt und beraten, weitere Unterstützung kommt von der BBQ Berufliche Bildung Mannheim GmbH, von der örtlichen Jugendberufshilfe Förderband e. V., den IHK-Berufsberatern und der Justus-von-Liebig-Berufsschule Mannheim als Dualem Partner.

"Da wir als internationales Unternehmen ohnehin geprägt sind von einem guten Miteinander der Kulturen, gab es von Anfang an eine große Bereitschaft unserer Mitarbeiter, dieses Projekt wohlwollend zu begleiten", sagt Ralf Lenge. "Es ist zusätzliche Arbeit, die sich lohnt – bereichernd nicht nur für die übrigen Auszubildenden, sondern für alle." Diese Integrationsbemühungen wirken sich auch in anderer Hinsicht positiv aus, denn Fachkräfte werden immer knapper.

Rakib Azam, der diverse Sprachkurse absolviert und seinen Schulabschluss nachgeholt hat, hofft jedenfalls auf Übernahme, wenn er seine Ausbildung erfolgreich beendet hat. Es seien vor allem die sprachlichen Barrieren, die ihm noch immer im Weg stünden. "Wenn ich mal ein Problem habe, kann ich mich an meinen zuständigen Ausbilder bei John Deere wenden, meine Ansprechpartner bei Förderband e. V. oder natürlich an meine Pflegeeltern." Mit den Kolleginnen und Kollegen in der Firma komme er prima klar, auch in der Berufsschule laufe es gut – "in den Naturwissenschaften und besonders in Mathematik", lächelt er. "In anderen Fächern ist es immer wieder die Sprache, die mir Schwierigkeiten bereitet – und die Lehrer gehen darauf sehr unterschiedlich ein." Deshalb lernt er weiter Deutsch, paukt Vokabeln und Grammatik. Seine Pflegefamilie hilft ihm dabei nach Kräften.

Mit einigen der anderen Azubis hat Rakib Azam schon Freundschaft geschlossen, sie helfen ihm, wenn er in der Berufsschule nicht mitkommt, und er serviert ihnen dann gern leckere Fischgerichte, wie sie in seiner Heimat zubereitet werden. "Unsere Erfahrungen sind bislang sehr positiv", sagt Unternehmenssprecher Ralf Lenge, "sie bieten für Rakib Azam sowie die nächsten Flüchtlings-Azubis und uns sehr gute Perspektiven." Rakibs größter Wunsch ist das Bleiberecht in Deutschland – und nach seiner Ausbildung die feste Anstellung als Industriemechaniker. Der junge Mann, der in Bangladesch eigentlich etwas Kaufmännisches machen wollte, reizt jetzt viel mehr, mit Maschinen zu arbeiten und neue technische Möglichkeiten kennenzulernen. "Das hier ist jetzt mein neues Leben", sagt er.

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