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Kulturelle Herausforderungen als Ausbilder meistern

Interkulturelle Kompetenz

Dr. Kundri Böhmer-Bauer

Dozentin

„Ausbildungsmethoden – Anpassungsbedarfe in der Ausbildung mit Geflüchteten“. Im Interview mit „Stark für Ausbildung“ spricht Frau Dr. Kundri Böhmer-Bauer über die Herausforderungen für Ausbilderinnen und Ausbildern im Umgang mit Geflüchteten.

Frau Dr. Kundri Böhmer-Bauer bietet unter anderem interkulturelle Trainings und Seminare für Ausbildungsleiter und Ausbildungsleiterinnen und für Auszubildende an. Sie hat Erfahrungen aus diversen afrikanischen Ländern, zum Nahen Osten, Iran und Indien, zu Reisen in Krisenregionen sowie zu Auslandsaufenthalten von Frauen.


Interview

Sie führen Trainings mit Ausbilderinnen und Ausbildern durch. Welche besonderen Knackpunkte sind während der Ausbildung von Geflüchteten von Bedeutung?

Es ist wichtig, sich die eigene Sozialisation, die eigenen kulturellen Prägungen und Werte bewusst zu machen, zum Beispiel: Was ist deutsch und wie deutsch bin ich? Was wir für selbstverständlich halten, ist es weltweit betrachtet überhaupt nicht. Deshalb sollten Ausbilderinnen und Ausbilder sich klarmachen, was andere Kulturstandards sein könnten und in welchen Feldern sie sich zeigen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Auch Zeitplanung kommt etwa in vielen afrikanischen und vorderasiatischen Kulturen kaum vor, zumindest nicht in dem Maße wie in Deutschland. In vielen Ländern lässt sich auch gar nichts planen, weil aufgrund von Armut, Terror oder Krieg niemand weiß, was am nächsten Tag sein wird. Dazu kommt, dass in diesen Regionen der Mensch immer wichtiger als die abstrakte Zeit ist. Wenn man auf dem Weg zu einem Termin einen Bekannten trifft, dann hat er Vorrang vor dem Termin, weil er gerade da ist. Wenn wir aber erklären, warum es wichtig ist, pünktlich zu sein, halten sich die jungen Menschen daran.

Und im Verhältnis zu Ausbilderinnen und Ausbildern?

Viele Geflüchtete haben in ihren Herkunftsländern Frontalunterricht erlebt, bei dem es um reine Wissensvermittlung und um Auswendiglernen ging. In arabischen Kulturen sind Rückfragen an den Ausbilder oder Lehrer absolut unerwünscht. Dort geht es darum, das Gesicht zu wahren. Und zwar nicht nur das eigene, sondern auch das des Lehrers. Wenn ein Schüler nachfragt, wird das so aufgefasst, als hätte der Lehrer schlecht erklärt. So haben sich schon Schüler beschwert, dass der deutsche Lehrer nichts weiß, weil er den Schülern Fragen stellte.

Sind die Jugendlichen dann überhaupt in der Lage, selbstständig zu arbeiten?

Selbstständigkeit ist im Ausbildungsalltag in vielen Ländern nicht selbstverständlich. Auch ihr Verhalten zu hierarchisch höhergestellten Personen ist anders. Es ist in vielen Ländern unüblich, dem Vorgesetzten Vorschläge zu unterbreiten. Das würde bedeuten, dass man seine Autorität und Position infrage stellt. Andererseits mussten die Geflüchteten auf der Flucht oft sehr selbstständig sein und können es daher sehr wohl. Sie müssen aber zu selbstständigem Denken und Handeln ermutigt werden.

Welche Rolle spielen Familie und Religion?

Für uns ist es zum Beispiel schwer vorstellbar, welchem immensen Druck durch die Großfamilien junge Menschen aus afrikanischen Ländern ausgesetzt sind, wenn es darum geht, Geld nach Hause zu schicken. Während der Ausbildung sollte deshalb immer wieder auf spätere Möglichkeiten hingewiesen werden, gutes Geld zu verdienen und einen respektierten Beruf auszuüben, um den Abbruch der Ausbildung aus Geldgründen zu verhindern. Oder nehmen wir die Kulturstandards der arabischen Welt. Hier ist religiöse Orientierung zentral. Alles kommt von Gott, man hat Rechte und Pflichten je nach Stellung. Den Stolz zu wahren, ist sehr wichtig, sachliche Kritik beleidigt. Kritisiert ein Ausbilder einen Araber vor der Gruppe, kann es sein, dass der junge Mann die Ausbildung abbricht.

Was folgt aus all dem für die Rolle von Ausbilderinnen und Ausbildern?

Autorität ist anerkannt und erwünscht. Es ist aber wichtig, Hintergrundwissen zu haben, etwa warum kommt jemand zu spät? Vielleicht hatte er oder sie gute Gründe. Die genannten Kulturstandards sind für Menschen, die sie leben, genauso selbstverständlich wie für uns die deutschen Kulturstandards. Deshalb müssen Ausbilderinnen und Ausbilder fähig sein, neue Perspektiven einzunehmen und die eigene Interpretation eines bestimmten Verhaltens infrage zu stellen. Nehmen wir als Beispiel einen jungen Afghanen, der sich weigert, mit seiner Ausbilderin alleine im Zimmer zu sein. Meist wird interpretiert, er nehme die Frau nicht ernst. Aber das Gegenteil ist der Fall. Nach seiner Auffassung würde es die Ehre der Frau verletzen, wenn er mit ihr alleine wäre. Also: Türen offen lassen oder mehrere Azubis einbestellten. Das Gleiche trifft natürlich auf eine junge Syrerin zu, die ihre Ehre verlieren würde, wäre sie mit einem männlichen Ausbilder alleine im Raum.

Wie können Ausbilderinnen und Ausbilder persönlich auf Flüchtlinge zugehen?

Geflüchtete Menschen unterscheiden sich sehr, je nach regionaler Herkunftskultur, Schicht, familiären Hintergründen, Herkunft aus Stadt oder Land, Bildungshintergrund, Alter und Fluchtgeschichte. Ein junger Syrer, der bereits einen Studienabschluss in seinem Land hat, kann nicht mit einem Afghanen aus dem hintersten Hindukusch verglichen werden, dem, wenn überhaupt, nur eine rudimentäre Schulbildung zuteil wurde. Es kommt immer darauf an, Sensibilität, Geduld und sich auch als Ausbilder als Mensch zu zeigen. Wichtig ist, sich bei den Azubis ab und zu nach Persönlichem zu erkundigen, außerhalb der Schulzeit gemeinsam private Freizeitveranstaltungen zu besuchen und immer zu erläutern, warum etwas so ist, wie es ist. Vor allem ist Kritik so zu vermitteln, dass die jungen Menschen sie annehmen können – möglichst indirekt oder unter vier Augen. Die Art und Weise der Kritik ist entscheidend.

Was empfehlen Sie Unternehmen, die Geflüchtete in Ausbildung übernommen wollen?

Dass sich die Mitarbeiter interkulturell darauf vorbereiten. Ausbilderinnen und Ausbilder sollten ein ein- oder zweitägiges interkulturelles Training durchlaufen. Damit ersparen sie sich und ihren Azubis eine Menge Stress und Missverständnisse. Und damit sparen sie letztlich auch Zeit. Bei größeren Unternehmen, die zum Beispiel jährlich eine Gruppe von zehn oder mehr Auszubildenden aufnehmen, empfehle ich ein Kennenlernwochenende mit interkulturellem Training für die jungen Menschen, die Deutschen und die Migranten. Es ist nicht nur für junge Menschen mit Fluchthintergrund wichtig, darauf vorbereitet zu werden, wie es in deutschen Betrieben, bei der Ausbildung und im Team läuft. Auch die deutschen Azubis profitieren davon, wenn deutlich wird, dass jeder vom anderen lernen kann. Die Geflüchteten werden dann nicht als einheitliche Gruppe mit Flucht- oder Migrationshintergrund definiert, sondern als unterschiedliche Personen mit unterschiedlichem Wissen und mit verschiedenen Geschichten.

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